Psychische Gesundheit: Betriebliche Eingliederung hilft Beschäftigten

Bundesregierung, Pressemitteilung vom 06.08.2013

Schweißausbrüche in der Bahn, Herzrasen inmitten einer Menschenmasse, Panikattacken im Büro. Diese Krankheitsbilder drücken sich immer mehr in Arbeitsunfähigkeit und Frühberentungen aus. Eine Zunahme psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung gibt es aber nicht.

Wer registriert schon die Verkrampfung seines Körpers, nur weil eine Situation unangenehm ist? Warum macht sich innere Unruhe breit? Wie steht es um die ständige Nervosität? Woher kommen so plötzlich Beklemmungsgefühle, Angstzustände und Panikattacken?

In vielen Fällen können die zunächst unspezifisch verlaufenden Beschwerden auf eine psychische Störung oder Erkrankung hinweisen. Solche Krankheitsbilder sind kein Einzelfall: Im Jahr 2009 entfielen zwischen 8,6 und 10,8 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage auf psychische Störungen – abhängig von der befragten Krankenkasse. Innerhalb der Krankheitsarten-Statistiken bilden sie die dritt- beziehungsweise viertwichtigste Krankheitsgruppe.

Kann der Arbeitsplatz krank machen?
Immer wieder kommt die öffentliche Diskussion zu dem Schluss: Der Arbeitsplatz macht krank. Für eine Bestätigung dieser Aussage gibt es jedoch keine Belege. Einerseits sind Behandlungsfälle, Zeiten von Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsminderungen wegen psychischer Störungen angestiegen. Das ist andererseits jedoch noch kein Beweis dafür, dass seelische Erkrankungen in der Bevölkerung generell zugenommen haben.

Fakt ist, psychische Störungen sind leistungsmindernd. Ganz speziell gilt das unter den Anforderungen der modernen Arbeitswelt. Fakt ist auch, Beeinträchtigungen bei der Arbeit werden immer häufiger durch psychische Störungen hervorgerufen. Eine dritte Tatsache: Der Anteil der Frühberentungen wegen psychischer Erkrankungen hat sich in der Zeit von 1993 bis 2010 mehr als verdoppelt.

Welche Hilfen gibt es?
Wer Anzeichen für eine psychische Erkrankung hat, kann mit dem Hausarzt darüber sprechen. Auch viele Kassen bieten Informationen und Beratung an. Nicht zuletzt können die Kassenärztlichen Vereinigungen nützliche Tipps zur Therapie geben.

Der zentrale Schlüsselbegriff bei psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt lautet "betriebliche Inklusion". Dazu zählen zum Beispiel ein betriebliches Gesundheitsmanagement und Eingliederungsmanagement. Beides sind geeignete Maßnahmen, um die Arbeitskraft der Mitarbeiter zu fördern und zu erhalten. Im Dialog können Einschränkungen, Probleme und Bedürfnisse der Mitarbeiter thematisiert und Lösungen gefunden werden.

Mit dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) bietet der Gesetzgeber frühzeitig gezielte Hilfen zur Überwindung einer Arbeits- oder Dienstunfähigkeit an. Gemeinsam mit den länger erkrankten Beschäftigten soll in einem vertraulichen Verfahren die Wiedereingliederung gewährleistet und einer neuen Erkrankung vorgebeugt werden. Das BEM-Verfahren ist in § 84 Sozialgesetzbuch IX geregelt.

Veränderungen machen psychische Störungen sichtbar
Michael Linden ist Ärztlicher Direktor im Reha-Zentrum Seehof der Deutschen Rentenversicherung Bund. Er interpretiert den Anstieg der Fallzahlen so: Psychische Erkrankungen, die in dem jetzt erkennbar werdenden Ausmaß immer schon existent gewesen seien, würden durch die Veränderungen in der Arbeitswelt sichtbar. Ein Blick auf die praktische Entwicklung zeigt das Phänomen:

Handarbeit
Als die Arbeitsprozesse noch überwiegend durch Handarbeit geleistet wurden, gab es weniger Probleme mit psychischen Erkrankungen. Mitarbeiter, die zum Beispiel an einer Angststörung litten, fielen kaum auf. Ihre Angstreaktionen zeigten sich nur selten, weil sie durch ihre Tätigkeit einfach weniger in Konflikt gerieten.

Kopfarbeit
Im Laufe der Zeit ging der Trend zur Kopfarbeit. Dabei war es beispielsweise nicht mehr die Aufgabe, Lebensmittel durch Muskelkraft in ein Verkaufsregal zu sortieren. Für den schnellen, systematischen und umfangreicher gewordenen Transport gab es mobile Hebemaschinen. Eine ziemliche Herausforderung für Angstpatienten, die große Gefahren möglicherweise gerade darin sehen, Technik nicht kontrollieren zu können. Aber die Anforderung lautete fortan: mehr Logistik im Kopf, weniger bewegen durch Muskelkraft.

Kontrollierte und qualitätsgesicherte Arbeit
Heute ist unsere Arbeitswelt noch einen Schritt weiter: Kontrollierte und qualitätsgesicherte Arbeit – getaktet und toleranzfrei. Zurück im Supermarkt wird deutlich, was passiert ist: Die Kassiererin schafft es, in einer Minute zehn Artikel in die Kasse zu scannen. Vorgabe sind aber 15 Artikel. Der Computer erfasst die Minderleistung. Für eine Patientin, die keine Kritik vertragen und verarbeiten kann, kommt es zum Konflikt, wenn sie darauf angesprochen wird.

Linden gibt mit Blick auf die Fallzahlen weiter zu bedenken, dass aufgrund intensiverer Aufklärung in der Gesellschaft psychische Störungen besser erkannt werden. Der Besuch beim Psychiater ist kein Tabu mehr.

Betriebliche Inklusion als Perspektive für die Gesellschaft
Die betriebliche Inklusion ist auch die Position der Deutschen Rentenversicherung Bund. Zur Behandlung psychosomatischer Erkrankungen setzt sie zudem auch auf mehr psychosomatische Rehabilitationskliniken.

Linden berichtet als ärztlicher Direktor der Klink Seehof, dass betriebliche Inklusion dort schon erfolgreich gelebt werde. Seine Botschaft ist erstaunlich einfach: Es sei wichtig, einen Platz im Leben zu finden, der gut zu einem passe.

Dazu hat Linden noch eine kleine Geschichte parat: "Wenn Sie eine Kuh sind, werden Sie es niemals schaffen, sich in ein Pferd zu verwandeln – selbst mit einem guten Psychiater nicht. Es wäre besser, Sie fänden eine hübsche Weide an irgendeinem Fleck, wo man Milch braucht, statt immerfort zu versuchen, auf der Pferderennbahn herum zu galoppieren."

Quelle: Bundesregierung